25 Jahre Lacrimosa: Konzertbericht

Letztes Wochenende hatte ich das Vergnügen, meine absolute Lieblingsband Lacrimosa wieder einmal live sehen zu dürfen. Zu ihrem 25-jährigen Bestehen gaben Tilo Wolff, Anne Nurmi und die Livemusiker in Deutschland in Dresden und Oberhausen Konzerte. Trotz der fast doppelten Zugfahrstrecke entschied ich mich, den Weg nach Dresden auf mich zu nehmen, da – aus welchen Gründen auch immer – die Stimmung bei Gothic-Bands in den nicht mehr so neuen Bundesländern doch besser ist als im westlichen Landesteil. Nachdem ich bereits auf meinem Weg zum Hotel gut 2 Stunden vor Beginn die ersten Schwarzgestalten bei dem Veranstaltungsort sah, wusste ich schon, dass ich meinen nicht großartig ausgeprägten Orientierungssinn diesmal nicht brauchen würde. Spätestens in der Straßenbahn, die in der Nähe hielt, war dann ebenfalls reichlich „Schwarzvolk“, welchem ich mich dann hätte anschließen können.

So war ich dann pünktlich zum Einlass angekommen und suchte wie üblich mir einen Platz in der Nähe des Mischpultes, da man dort erfahrungsgemäß den besten Klang hat. Ich stellte mich an die hintere Absperrung, so dass ich auf Grund meiner Körperkleine dennoch einen guten Blick auf die Bühne hatte, da zwischen mir und der nächsten Reihe vor mir halt nur der abgesperrte Mischpultbereich war. Empfangen wurde die schwarze Meute von einer Endlosschleife von Lacrimosa’s „Einsamkeit“, welche man nach der spätestens 3. Wiederholung auswendig konnte. Irgendwann nervte es dann nur noch. Abwechslung bot ein Quiz, welches an einer kleinen Leinwand eingeblendet wurde. Schöne Idee. Dann verfinsterte sich das Licht.

Statt dem üblichen Lacrimosa-Intro-Theme wurde das Publikum mit Orgelklängen begrüßt, die schließlich im ersten Stück Lacrimosas – „Seele in Not“ – mündeten. Wie bereits angekündigt, wurde das Lied in seiner originalen Synthesizer-Fassung gespielt, anstatt im rockigen Gewand. So war es nicht verwunderlich, dass nur Tilo und Anne zu Beginn auf der Bühne waren. Obwohl ich die Originalfassung von „Seele in Not“ nicht so sehr mag, war es doch recht spannend, diese Version einmal live zu hören und mich in die Zeit der Anfänge Lacrimosas zurückversetzen zu lassen. Die Stimmung war passend zum Titel während des Liedes still und gespannt. Nach dem Einstiegslied wurde das Publikum begrüßt und auf eine dreistündige, chronologische Zeitreise eingestimmt, was mit entsprechendem Jubel bedacht wurde. Auf der Leinwand wurde das Cover von „Angst“, dem ersten Album der Band, angezeigt. Aus diesem Album stammte dann auch das zweite Lied des Abends: „Der letzte Hilfeschrei“. Wie bei „Seele in Not“ machte sich – auch dank der hervorrangend rübergebrachten Emotionen von Tilo – eine beklemmende Stimmung breit, die auch bei den folgenden nicht weniger melancholischen Liedern „Tränen der Sehnsucht“ und „Reißende Blicke“ aus dem 2. Album „Einsamkeit“, anhielt. Auch „Tränen der Sehnsucht“ wurde quasi in seiner Originalfassung  und nicht in einer über die Jahre „gereiften“ Version gemischt mit Klassik und Gitarren gespielt.

Danach wurde es dann das erste Mal so richtig laut und die Lethargie der ersten gut 45 Minuten wurde mit einem der Publlkumslieblinge beendet. Zu den Originalklängen von „Alles Lüge“ durften dann auch die Livemusiker ran und zum ersten Mal an diesem Abend zeigte Lacrimosa ihr „rockiges“ Gesicht. Das Publikum, unter dass sich auch Fans aus Südamerika, Asien und Osteuropa mischten, war von Beginn an richtig gut drauf und sang hier erstmals richtig mit. Wunderschön. Danach wurde der frenetische Beifall von den Kirchenglocken „Crucifixio“s aus dem „Satura“-Album  unterbrochen, bei dem aus dem Soloprojekt Tilo Wolffs ein Duo mit Anne Nurmi wurde. Wieder ein schwermütiges, langsames Stück, welches live zwar gut hörbar ist, aber nie zu meinen Lieblingsliedern gehören wird. Doch auch dieses Lied kam gut an – da es an die Anfangszeiten erinnerte.

Und danach kam der Moment, auf den ich solange gewartet hatte – und nicht nur ich, wie der Beifall der ersten leisen Töne von „Flamme im Wind“ deutlich machte. Dieses Lied war mein Einstieg in die schwarze Szene und ist bis heute eines meiner absoluten Favoriten. Und hier straft Lacrimosa die Leuten Lügen, die behaupten, man könne live keine langen Lieder spielen – schon gar nicht ohne Gesang. Wie so oft bei den Instrumentalabschnitten überließ Tilo hier den Livemusikern die Bühne. Auch zeigt Lacrimosa hier wieder, warum Liveauftritte von ihnen immer etwas besonderes sind: Anstatt dröge einfach nur wie von CD zu klingen, werden die Lieder anders arrangiert, Texte abgewandelt und die Lieder spontan verlängert. Dieses Markenzeichen der Band zieht sich durch jeden Auftritt und macht jede Tour besonders.

Nach neuneinhalb Minuten folgte dann der verdiente Applaus, der sich begleitet von den Anfangsklängen meines Namensgebers dann gleich noch mal steigerte: „Schakal“ aus dem Album „Inferno“ –  ebenfalls ein Publikumsliebling, der nicht fehlen darf und in einer gewohnt rockigen Variante gespielt wurde – anders als das Original, welches eher ruhig ist. Die Stimmung im Publikum steigerte sich weiter, als mit „Stolzes Herz“ aus dem Album „Stille“  quasi die Lacrimosa-Hymne (neben „Alles Lüge“) gespielt wird. Danach durfte dann auch Anne ans Mikro.

Mit „Not every pain hurts“ folgte ein ebenfalls gelungener Auftritt, der – anders als bei einigen Auftritten sonst – auch vom Großteil des Publikums mitgetragen wurde.Hier merkte man besonders die Anwesenheit der südamerikanischen Zuschauer, die mit Annes Liedern wohl weniger Berührungsängste haben, als die deutschen, die bei früheren Auftritten unpassenderweise sich teilweise abgewandt hatten.

Danach folgten mit „Alleine zu zweit“ und „Halt mich“ zwei Lieder aus dem Album „Elodia“, was von vielen als bislang bestes Album Lacrimosas wahrgenommen wird. Bei „Halt mich“ durfte hier auch das Publikum mal ran und mitsingen. Im Chor wurde „Halt mich – mein Leben – halt mich fest!“ der Band entgegengeschrien, was für eine tolle Gänsehaut sorgte. Auch bei „Der Morgen danach“ aus dem Album „Fassade“ durfte das Publikum begleitet von den Livemusikern mitträllern. Darauf folgte „Liebesspiel“, welches mir bis heute nicht so richtig gefällt, aber auch live durchaus hörbar ist. Hier hätte ich mir einen der drei genialen „Fassade“-Sätze gewünscht, die aber live auf Grund des hohen Orchesteranteils nur schwer umsetzbar sind.

Mit den folgenden Liedern „Durch Nacht und Flut“ und „Malina“ waren wir im Jahre 2003 und dem Album „Echos“ angekommen, was auch das Jahr war, in dem ich zu Lacrimosa stieß und mir nach und nach alle vorherigen Album kaufte. Von den 25 Jahren durfte ich also immerhin die Hälfte quasi „live“ miterleben. Nach „Kelch der Liebe“ aus dem „Lichtgestalt-„Album wurde der lange, rockige Abschnitt für „Alles unter Schmerzen“ unterbrochen, nur um dann im „Feuer“ wieder für einen gitarrenlastigen Publikumsliebling zu münden. Ein schöner Kontrast aus dem Album „Sehnsucht“, der hier gewählt wurde. Die Gefühlsachterbahn ging mit „Ohne dich ist alles nichts“ (von „Schattenspiel“) weiter, welches wieder getragen und schwermütig an die „alten“ Zeiten erinnerte.

Mit Schrecken stelle ich dann fest, dass der nun folge Song bereits aus dem aktuellen Album war. „irgend ein Arsch ist immer unterwegs“ mauserte sich sehr schnell zu einem Publikumsliebling, auf den die „Rote Sinfonie“ folgte, bei der Lacrimosa den langen orchestralen Teil durch eine stark gitarrenlastigen Instrumentalabschnitt ersetzte. Tolle Idee. Danach folgte eine längere Ansage, bei der sich Lacrimosa für die jahrzehntelange Treue bedankte und gleichzeitig ein neues Album ankündigte. Dies – und der Hinweis darauf, dass man daraus auch ein Lied spielen wollte und gleichzeitig an der Videoleinwand das neue Cover und den neuen Albumtitel entüllen wollte – sorgte für Jubel. Mit den Anfangsklängen von „Kaleidoskop“ geschah dann auch das Angekündigte. Man darf gespannt sein, in was für eine Richtung das neue Album „Hoffnung“, so der enthüllte Titel, gehen wird. „Kaleidoskop“ jedenfalls war ein sehr schönes, rockiges und orchestrales Duett mit Anne, welches auch großen Anklang im Publkum fand – für den sich Tilo dann auch in der folgenden Ansage bedankte und gleich noch ein Lied aus dem neuen Album spielte: „Kein Schatten mehr“ – ein außergewöhnliches kurzes und eher ruhiges Stück, welches aber ebenfalls gut ankam.

Danach wurde sich unter langem Beifall vom Publikum verabschiedet und die Band verließ die Bühne. Natürlich wollte die Menge mehr. Nach jede Menge „Zugabe“ und „Lacrimosa, Lacrimosa“-Rufen kam die Band zurück und bedankte sich für den Zuspruch. Es wurde noch ein schönes Foto geschossen und es folgte eine weitere Ansage, in der sich dafür ausgesprochen wurde, bei all der Selbstverwirklichung die Liebe nicht zu vergessen. Ein schönes Statement und der Aufruf zur „Revolution“, die den Zugabenteil einleitete – eines meiner absoluten Lieblingslieder. Anne durfe dann auch noch mal ran und gab mit „If the word stood sill a day“ nochmal ein sehr schönes Lied zum besten, auf das mit „Lichtgestalt“ einer der Publikumslieblinge der Zugabenteil beendet wurde. Aber halt. Das geht nicht, dachte nicht nur ich. DER Rausschmeißer fehlte noch und wurde wehement vom Publikum gefordert.

Die Band kam erneut raus und bedankte sich sichtlich gerühert für den Zuspruch. Und dann kam er dann auch. „Copycat“ – der Metal-Rausschmeißer, bei dem die Band nochmal alles gibt und den Laden ein letztes Mal in Extase versetzte, Tilo und Anne tantzen auf der Bühne und gröhlten die Zeilen in die Menge. Dann war unter tosendem Applaus und langer Verabschiedung Schluss.

Über 3 Stunden tolle Unterhaltung. Eine emotionale Achtterbahn – wie man  es von Lacrimosa kennt. Über 3 Stunden für gut 34 Euro – da kann sich so manch Chartsglitzerdiva eine Scheibe von abschneiden.

Vielen Dank, Lacrimosa, für diese tolle Rückschau auf 25 Jahre Bandgeschichte und dafür, dass ich euch schon so lange begleiten darf.

Schakal

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Blog-Battle 22: fremd

Es ist Samstag früh. Um 7:00 Uhr dröhnt ein infarnalischer Lärm aus dem Fenster in meinen Gehörgang und beendet den bislang so tiefen Schlaf abrupt. Ein Laubblasgerät beschallt meine Ohren. Bereits vor dem Aufstehen macht sich das erste Mal dieses Wort – dieses Gefühl – in mir breit.

Nachdem ich das Fenster, welches als einzige Kühlquelle über Nacht es ermöglicht, der tagsüber entstandenen Hitze in diesem Raum etwas Linderung zu verschaffenen, geschlossen habe, begebe ich mich nach den üblichen Ritualen zum Start in den Tag zum nahegelegenen Bäcker. Eingehüllt in schwarz und mit Schallabschottung auf den Ohren betrete ich den Gehweg, der wohl das Eigentum eines mich fast über den Haufen (mit Kopfhörern auf den Ohren) fahrenden Radfahrers zu sein scheint, der im Augenwinkel über eine Straße heizt und dabei einen Autofahrer zur Vollbremsung zwingt.

Gezwungenermaßen nehme ich vor dem Überqueren der Straße meinen Schallschutz von den Ohren, die gerade die Textzeile „Ich hasse es immer noch, die Anwesenheit von mir nicht geduldeter Lebewesen in meiner Nähe ertragen zu müssen“ von Samsas Traum’s „Angst II“  vernahmen und – nach Überqueren der Straße – das Brüllen eines Erwachsenen, der sein weinendes Kind immer wieder anschreit, vernehmen. Und wieder ist es da: Dieses Gefühl – dieses Wort.

Beim Bäcker angekommenen werde ich erneut dazu gedrängt, meine Ohren  dem Song „Meine Welt“ von Lacrimosa abzuwenden und den Mitexistenzen zu widmen. Ein Mann deutlich älteren Semesters steht etwas weiter vor mir an der doch recht großen Schlange. Er möchte 2 Brötchen mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Auf den freundlichen Hinweis der Verkäuferin, dass, wenn jeder mit 50 Euro 2 Brötchen zahlen würde, sie kein Kleingeld mehr hätte, gibt es eine pampige und unfreundliche Reaktion seitens dieser Existenz. Und auch hier spricht die Musik mir aus der Seele: „Wer weiß schon denke, was ich fühle?“… wenn ich solche Ignoranten ertragen muss. Nachdem ich mit selbstverständlich vorher abgezähltem Kleingeld meine Brötchen bezahle, verlasse ich den Laden – begleitet von diesem Gefühl – diesem Wort.

Fernab menschlichen Treibens ziehe ich mich in mein Reich zurück, welches nun – nachdem das Insekteneinsauggerät seine naturfeindliche Arbeit getan hat und schweigt – erstmal belüftet wird, bevor die von vielen so erhoffte Hitze meinen Kreislauf wieder vor Herausforderungen stellt und die Wohnung auf einen Wert aufheizt, bei dem an einen spätereren, gesunden Schlaf nicht zu denken ist.

Nach einiger Zeit der durch Vogelgezwitscher begleiteten Stille überlege ich während des Frühstücks einen möglichen Ansatz für meinen neuen Blogtext im Rahmen des Blog-Battles, bei dem sich besonders auf Grund mancher Kommentare und Ansichten schon öfter dieses Gefühl breitmachte – besonders, wenn diese einen persönlichen und emotionalen Beitrag anders (schlechter) bewerten, als ein völlig zusammenhangloses, kritisches Aneinanderreihen menschlicher Handlungsweisen, welches dann auch noch als bislang bester Blog-Battle-Beitrag von allen angesehen wird, obwohl er nichts persönliches und eigenständiges enthielt. In solchen Momenten – und auch beim ansehen kabarettistischer Beiträge – ist dieses Gefühl besonders stark.

Genauso stark ist dieses Gefühl auch  dann, wenn Kommentatoren bemängeln, dass das Stichwort in einem Text nicht oder nicht oft genug benannt wird. Wie diese Leute wohl das Album „Sehnsucht“ von Lacrimosa bewerten würden, in denen das Wort ‚Sehnsucht‘ außer in dem Namen eines Titels nirgends vorkommt? Und wieder kommt mir ein Textabschnitt in den Sinn: „Wenn müde Zungen sich verknoten und die Dummheit wieder zirkuliert, siegt in jedem schwachen Herz die Intoleranz. Ein Angriff als Verteidigung und die Schlacht beginnt“. Aus den Gedanken und der Stille heraus weiß ich, dass dieses Lied – der Brennende Komet von Lacrimosa – das nächste ist, was ich mir anhören werde.

Nachdem ich meine Schreibmaschine, auf der man nebenbei auch noch Spielen, Musikhören oder Videos schauen kann, angeworfen habe, wird zunächst ein  bisschen Zeit mit genau solchen Beschäftigungen totgeschlagen, bis die 2. Pflicht dieses Tages ruft. Wieder hülle ich mich in schwarz und verlasse samt einigen Einkaufsbeuteln die Wohnung – diesmal ohne schützende Kopfhörer. Diesmal werde ich nicht von einem Harakiri-Radfahrer fast überfahren, sondern komme gefahrlos über Fußweg und Straße, auch wenn der Autofahrer, den ich an einer Kreuzung vorbei ließ, offensichtlich eine Blinkerbetätigungsphobie hat. Ich laufe Richtung Stadtbahn und sehe von weitem, wie eine Frau statt über den 50 Metern entfernten Überweg über das Gleisbett läuft, dabei stürzt und auf die Gleise fällt. Der mit an dieser Stelle gut 60 km/h heranrasende Stadtbahnfahrer kann auf Grund der weiten Sicht gerade noch rechtzeitig bremsen. An anderen Stellen des Stadtbahnnetzes hier wäre dies ihr letzter Mangel an Selbst- und Umgebungsreflketion gewesen. Inzwischen hat die Dame das Gleisbett verlassen und läuft scheinbar taubstummblindblöd bei Rot über eine Ampel, um die Bahn auf der gegenüberliegenden Seite noch zu erreichen, die aber schon längst abfahrbereit am Bahnsteig steht. Das Gefühl – dieses Wort – ist auch beim Betrachten dieser Szene präsent.

Omnipräsent ist es vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln. So auch heute. Das erste, was mir beim Betreten in den Zug entgegenschallt, ist der blecherne Klang von einem deutsch-rappenden Hirnfeulniserzeuger aus nicht-schallisolierenden In-ear-Hörern einer Gestalt, die sich in Klamotten in die Öffentlichkeit traut, die man eigentlich nur für Trainingszwecke im Sport gedacht sind. Ich versuche, zwischen mir und dem Klangungeheuer so viel Abstand wie möglich herzustellen und setze mich ans andere Ende des Wagens. Hier werden meine Ohren jedoch von den neuesten Menstruationsbeschwerden einer Mitfahrerin gequält. Und wieder schießt mir eine Textzeile von heute morgen aus „Angst II“ durch den Kopf: „Angst macht mir in solchen Augenblicken lediglich das Gefühl, in dem ich mir eingestehen muss, dass diese beiden Menschen keinen blassen Schimmer davon haben, was in der Welt um sie herum passiert.“

Dieses Gefühl macht sich dann auch im Einkaufstempel breit. Dass der Mensch nicht gerade der hellste Stern in am Evolutionsfirmament ist, zeigt sich auch hier. Anstatt die Einkaufskörbe möglichst so abzustellen, dass sie nicht vor Regalen oder in schmalsten Gängen stehen, wird genau das gemacht. Schiebt man diese dann aus dem Weg, erntet man dann entsprechende Körperreaktionen. „Wann kommt die Flut?“ frag ich mich dann, die Melodie dieses Evergreens von Joachim Witt und Peter Heppner im Kopf summend. Als ich an die Kasse komme, stehen dort 3 Leute vor mir. Hinter mir wird nach einer 2. Kasse gebrüllt – bevorzugt von Leuten, die stundenlang Obst mit ihren ungewaschenen Händen antatschen und dann doch nicht mitnehmen.

Selbiges gilt auch für Zeitungen, bei denen ich immer öfter frage, ob das, was dort abgedruckt wird, noch Jouralismus ist. Mit Kopierpasta werden dort  Agenturmeldungen abgedruckt, ohne diese kritisch zu hinterfragen und jeden Tag mindestens eine Sau durch den Blätterwald getrieben, während die Auswirkungen und Ursachen von Krieg, Gewalt, Terror, Klimaveräderung und Umweltzerstörung kaum Platz finden. Da wird  lieber über den endlich einkehrenden Sommer gejubelt. Aber das hatten wir ja schon.

Bis ich wieder zuhause bin, erlebe ich noch viele weiteren Szenen und Ereignisse, in denen ich mich unter all den Menschen so fühle, wie es dieses Wort beschreibt. So wie diese Zeile von Black Heavens „Ich sehe“:

„Die Welt, in der wir  leben – die man so gern verspricht -, ist nicht die Welt für jeden, der daran zu zerbricht.“

Schakal

Noch mehr Wörter (und Gefühle) gibts hier:

Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Pal-Blog
Chelsea
Justine
The Lisa/Lilly
Laura
Dark Lord
Wicca

Blogbattle IV: Schwarz

Schwarz ist keine Farbe, sondern eine Einstellung. Dieser Spruch ziert mein Fratzenbuch-Profil und ist neben „Lieber schwarz als farblos“ einer meiner Lieblingssprüche zu dem Thema. Insgeheim hatte ich ja schon vermutet, dass jemand nach den bisherigen bunten Themen ein Thema vorschlägt, bei dem sich wohl vor allem die Gruftis wohlfühlen dürften. Ganz in schwarz wohlfühlen tue ich persönlich noch gar nicht so lange. Zwar höre ich seit gut 15 Jahren düstere Musik, nach außen hin lebe ich das Ganze allerdings erst seit einigen Jahren aus, was in erster Linie an den finanziellen Mitteln lag, mich entsprechend einzurichten oder zu kleiden. Inzwischen gehört das „Schwarzsein“ zu mir, wie ordentlich Käse zu einen Nudelauflauf.

Wenn ich auf meine favorisierten Lieder aus meiner Kindheit zurückblicke, fällt mir auf, dass auch schon zu dieser Zeit viele Lieder dabei waren, die eher einen melancholischen, nachdenklichen, klagenden, mahnenden oder ähnlichen Hintergrund, Text oder Klang haben, zum Beispiel „Who is it“ und „Heal the world“ von Michael Jackson, Dschinghis Khan mit „Olé Olé“, die „Jeanny“-Reihe von Falco, Meat Loaf mit „I’d do anything for love“ oder „Solo“ von Thomas D. und Nina Hagen. Bei der Recherche fällt mir gerade auf, dass „Solo“ schon 17 Jahre her ist. Um die Jahrtausende war es dann auch, als ich mich mehr für Bands wie E Nomine und Deine Lakaien interessierte und der allgemeinen Chartsmusik immer weniger Beachtung schenkte.

Als mir dann ein Chatbekanntschaft „Flamme im Wind“ von Lacrimosa empfahl, war’s um mich geschehen. Dieser Song ist für mich bis heute einer meiner absoluten Lieblingslieder aus der dunkeldüsteren Musik – auch wenn den Oldschool-Gruftis bei dem Satz vermutlich die letzten grauen Haare ausfallen, schließlich ist ja alles nach Bauhaus und The Cure Mainstreammist, Kommerzkacke und untrue.

Zeitgleich entwickelte sich privat eine Spirale aus Arbeits- und damit verbundener Perspektivlosigkeit, dem Gefühl in der Welt „nicht anzukommen“ noch so einiges mehr, die dazu führte, dass ins Besondere Lacrimosa mit ihren Texten offene Türen einrannten. Noch heute bin ich der Musik, meiner Mutter und dem Dychterfyrsten Maddin dafür dankbar, (nicht nur) in dieser Zeit für mich da gewesen zu sein. Der Einfluss von Maddin war es auch, der mich zu politischem Denken inspirierte. Das hatte zwar zur Folge, dass ich für die Menschen und ihre Taten noch mehr Abscheu entwickelte, als eh schon vorhanden war, dennoch konnte ich mir so einiges an Wissen und Hintergrundinformationen aneignen und dadurch eine politische Haltung annehmen, die nebenbei dazu führte, mich auch für Kabarett und Karikaturen zu interessieren.

Wenn mir in meiner Jugendzeitjemand gesagt hätte: „Du wirst mal in ein Museum und ein Theater gehen“, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Was allerdings 100%ig auch in 20 Jahren NICHT passieren wird, ist, dass ich Parteien wie CDU, SPD, Grüne, Liberale (egal in wieviele Splittergruppen sie sich aufteilen) oder Nazis wähle. Wie man anhand einer eben genannten Parteien sieht, gibt es allerdings auch für mich schwarze Dinge, die ich nicht schön finde Ja, das gibt es. Schwarzschimmel gehört da zum Beispiel auch zu. Es gibt aber auch Dinge des Alltags in schwarz, wo mir die Standardmodelle dann doch ausreichen: Toilettenpapier und Zahncreme. So weit geht meine Liebe (und mein Geldbeutel) dann doch nicht.

Es ist jedoch nicht nur die Musik, die dazu führte, mich dem Schwarz hinzugeben. Wie bereits erwähnt war es das politische Interesse, aber auch eine gewisse Isolation und Menschenscheu, die ich im Laufe der Jahre (auch auf Grund zu Bruch gegangener, jahrelanger Freundschaften, die den Begriff auch verdienten) entwickelte. Hier spielt auch der Umstand rein, dass ich schon immer ein introvertierter Einzelgänger war, der – abseits der Menschen, die ihn verstehen – sich eher distanziert verhalten hat. Auch dank meiner falschen Arbeitskolleginnen habe ich es mir inzwischen angewöhnt, mit mindestens einer Maske und Unnahbarkeit durch die Menschenmenge zu laufen.  „Was von außen schwer zu betrachten, ist von innen schon fast zerstört“ spiegelt durchaus den Zustand wieder, den ich so versuche zu schützen. Ich erlaube es nur noch denjenigen, die mich jahrelang kennen (und trotzdem mögen), hinter die Maskerade und Fassade zu schauen. Denn diesen wenigen Menschen (und viele Jahre auch meine treue Hundedame) müssen mich nicht fragen, wie es mir geht. Sie wissen es.

Das bewusste Tragen (mit Ausnahme hochsommerlicher Tage) ausschließlich schwarzer Kleidung ist für mich in erster Linie das bewusste Ausleben und Zeigen des Gefühls „schwarz zu sein“ und dem Wunsch, mich nach außen hin abzugrenzen. Auch dies klappt wiederum ganz gut. Selbst ein einfacher Ledermantel reicht schon, um in der Stadtbahn mindestens einen Platz neben mir frei zu haben. Interessanterweise sind es meistens Kinder, die es sich trauen, neben den bösen, schwarzen Mann zu setzen. Tja, liebe Erwachsene: Nehmt euch mal ein Beispiel an vorurteilsfreiem „kindischen“ Verhalten.

Übertrieben finde wiederum Gothics, die selbst bei 30 Grad im Schatten noch im schwarzen Mantel rumlaufen und sich wundern, warum ihnen warm ist und sie transpirieren wie ein Wasserfall. So true muss ich – und inbesondere mein bei heißen Temperaturen eh schon angegriffener Kreislauf – dann doch nicht sein. Das gilt auch für meine Wohnung: Zwar habe ich auch einige Einrichtungsgegenstände in schwarz, allerdings ist zumindest mein Wohnzimmer an sich recht hell – zumindest so hell, wie eine Erdgeschosswohnung sein kann, die umgeben von dichten und hohen Bäumen ist. Permanent in abgedunkelten Räumen mit dunklen Wänden und ohne Tageslicht zu leben würde mich wohl depressiv machen. Diese Phase habe ich zum Glück hinter mir gelassen und brauch ich auch nicht noch mal.

Schlafen tue ich übrigens, wie viele andere Gothics auch, in einem normalen (dennoch schwarzen) Bett und nicht im Sarg, wie es so manch Vorurteil gerne sagt. Und mit einem mit Vorurteilen spielenden Fanvideo zu einem tollen Lied (welches zu den wenigen rein-elektronischen Liedern gehört, die ich mag) verabschiede ich mich für diese Woche..

 

Schakal

Weitere Teilnehmer:

Chaos – Kisa,
Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Der DychterFyrst
Mary von indubioprorea
Sebastian vom Pal-Blog
Dark Lord