Irgend ein Arsch ist immer unterwegs

Dieser durchaus einprägsame Satz aus der Feder Tilo Wolffs ist einer, der mir auch bei Konzerten durchaus öfter mal im Kopf rumgeistert. Während sich der Großteil des interessierten Publikums sich hingebungsvoll der dargebotenen Kunst widmet, gibt es doch immer die wenigen Ärsche, die doch irgendwie immer auffallen, egal wie sehr man sich bemüht, diese Spezies auszublenden.

Ein Teil der Spezies Ärsche auf Konzerten nennt sich Quasselstrippe. Ich werde es nie verstehen, warum man sich während eines Konzerts permanent unterhalten muss – und zwar in einer Lautstärke, gegen die dann selbst die Lautstärke des sich auf der Bühne abmühenden Künstlers wenig ausrichten kann, falls man direkt neben solchen Leuten steht. Gegen eine kurzen Meinungsaustausch zwischen den Liedern ist nichts einzuwenden, aber ansonsten ist es schlichtweg respektlos dem Künstler gegenüber und auch dem Publikum um solche Leute herum.

So kam es dann schon öfter vor, dass bei absichtlichen Pausen innerhalb eines Liedes fröhlich vor sich hin gesabbelt wurde. Auch bei Kabarettauftritten habe ich es schon erlebt, dass hier sogar teilweise die Künstler auf der Bühne die Leute in den vorderen Reihen um Ruhe gebeten haben. Welchen Sinn hat es, einen Abend zu besuchen, in dem das Zuhören ein elementarer Bestand der Veranstaltung ist? Ich frage mich, ob solche Leute bei Hochzeiten, Trauerfeiern oder ähnlichen Anlässen sich genauso verhalten: „Der Hinterbliebene ist…“  *Knarrrz* – Oh, weißt du schon, dass ich heute früh Dünnschiss hatte?“ Das ist das, was aus deinem Mund kommt! Schnauze!

Ein anderer Teil dieser Spezies nennt sich Gaffer. Ähnlich wie bei Unfällen gaffende Idioten sind es auch Konzertgaffer, die eigentlich gar nicht wissen, was los ist, aber andere behindern oder stören. Insbesondere bei Gothic-Konzerten nervt die Fraktion „Ey komm wir gehen da auch mal rein. Ich weiß zwar nicht was das ist, aber egal“. So habe ich es schon mehrfach beobachtet, dass solche Experten (die – man möchte hier fast „natürlich“ davorsetzen – auch nicht dem Anlass entsprechend gekleidet sind) dann auch zur Spezies Quasselstrippe gehören – aber auch das tanzende, mitsingende und feiernde Publikum oder gar den Künstler auslachen oder zumindest permanent dumm-dreist-verwirrt-verhöhnend anstarren. Und zwar die ganze Zeit.

Mir wäre ja mein Geld und meine Zeit zu schade, mich stundenlang unter eine Gruppe von Menschen zu begeben, die mir offensichtlich (auf Grund meines Verhaltens auf Gegenseitigkeit beruhend und somit zu Recht) fremd sind – und dies in einer beengten Lokalität, während mir Musik entgegenschallt, die ich nicht mag und wahrscheinlich auch nicht mal verstehe, obwohl mir der Gruftie (dem ich die ganze Zeit verachtenswertes Lächeln zuwerfe) einen „Ja du bist gemeint“-Blick während des Liedes „Irgend ein Arsch ist immer unterwegs“ und bei der Textzeilen „Schau mich nicht an – so wichtig bist du nicht“, „Bleib weg – so weit es geht!“  zuwirft.

Spezies 3 ist zwar nicht wirklich störend, aber in zu hoher Dosierung für die Stimmung eines Konzertes eher hinderlich. Und zwar die Salzsäule. Spezies Salzsäule zeichnet sich dadurch aus, dass sie während des gesamten Konzertes sich nicht bewegt. Körperreaktionen, sei es durch Mitsingen, Bewegen, Jubeln, Tanzen und ähnliches sind während des gesamten Konzerts verboten. Der Mechanismus wird nur dann unterbrochen, um sich entweder etwas zu trinken zu holen oder mit dem Smartphone zu filmen. Besonders gern macht die Statue das bei Bands, die dies ausdrücklich nicht wünschen und sich dann ertappt fühlen und rumplärren, wenn der Sänger ihnen eindeutige Gesten und Blicke zuwirft. Falls Spezies Salzsäule dann unverständlicherweise auch noch in den vorderen Reihen mit einem Volumen 2 Meter hoch und 2 Meter breit im Raum steht und interessierten Konzertgängern die Sicht nimmt, ist es dann nicht mehr schön, wenn man 2 Stunden für 30 und mehr Euro  lang nur den Rücken einer uninteressierten Säule sieht.

Es ist mir durchaus bewusst, dass nicht jeder aus sich rausgehen kann und Emotionen zeigen. Auf Konzerte, auf die man doch aber eigentlich geht, weil man dem Dargebotenen doch irgendwie schon vorab etwas abgewinnen konnte, sollte dies doch aber schon möglich sein.

Schakal

 

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25 Jahre Lacrimosa: Konzertbericht

Letztes Wochenende hatte ich das Vergnügen, meine absolute Lieblingsband Lacrimosa wieder einmal live sehen zu dürfen. Zu ihrem 25-jährigen Bestehen gaben Tilo Wolff, Anne Nurmi und die Livemusiker in Deutschland in Dresden und Oberhausen Konzerte. Trotz der fast doppelten Zugfahrstrecke entschied ich mich, den Weg nach Dresden auf mich zu nehmen, da – aus welchen Gründen auch immer – die Stimmung bei Gothic-Bands in den nicht mehr so neuen Bundesländern doch besser ist als im westlichen Landesteil. Nachdem ich bereits auf meinem Weg zum Hotel gut 2 Stunden vor Beginn die ersten Schwarzgestalten bei dem Veranstaltungsort sah, wusste ich schon, dass ich meinen nicht großartig ausgeprägten Orientierungssinn diesmal nicht brauchen würde. Spätestens in der Straßenbahn, die in der Nähe hielt, war dann ebenfalls reichlich „Schwarzvolk“, welchem ich mich dann hätte anschließen können.

So war ich dann pünktlich zum Einlass angekommen und suchte wie üblich mir einen Platz in der Nähe des Mischpultes, da man dort erfahrungsgemäß den besten Klang hat. Ich stellte mich an die hintere Absperrung, so dass ich auf Grund meiner Körperkleine dennoch einen guten Blick auf die Bühne hatte, da zwischen mir und der nächsten Reihe vor mir halt nur der abgesperrte Mischpultbereich war. Empfangen wurde die schwarze Meute von einer Endlosschleife von Lacrimosa’s „Einsamkeit“, welche man nach der spätestens 3. Wiederholung auswendig konnte. Irgendwann nervte es dann nur noch. Abwechslung bot ein Quiz, welches an einer kleinen Leinwand eingeblendet wurde. Schöne Idee. Dann verfinsterte sich das Licht.

Statt dem üblichen Lacrimosa-Intro-Theme wurde das Publikum mit Orgelklängen begrüßt, die schließlich im ersten Stück Lacrimosas – „Seele in Not“ – mündeten. Wie bereits angekündigt, wurde das Lied in seiner originalen Synthesizer-Fassung gespielt, anstatt im rockigen Gewand. So war es nicht verwunderlich, dass nur Tilo und Anne zu Beginn auf der Bühne waren. Obwohl ich die Originalfassung von „Seele in Not“ nicht so sehr mag, war es doch recht spannend, diese Version einmal live zu hören und mich in die Zeit der Anfänge Lacrimosas zurückversetzen zu lassen. Die Stimmung war passend zum Titel während des Liedes still und gespannt. Nach dem Einstiegslied wurde das Publikum begrüßt und auf eine dreistündige, chronologische Zeitreise eingestimmt, was mit entsprechendem Jubel bedacht wurde. Auf der Leinwand wurde das Cover von „Angst“, dem ersten Album der Band, angezeigt. Aus diesem Album stammte dann auch das zweite Lied des Abends: „Der letzte Hilfeschrei“. Wie bei „Seele in Not“ machte sich – auch dank der hervorrangend rübergebrachten Emotionen von Tilo – eine beklemmende Stimmung breit, die auch bei den folgenden nicht weniger melancholischen Liedern „Tränen der Sehnsucht“ und „Reißende Blicke“ aus dem 2. Album „Einsamkeit“, anhielt. Auch „Tränen der Sehnsucht“ wurde quasi in seiner Originalfassung  und nicht in einer über die Jahre „gereiften“ Version gemischt mit Klassik und Gitarren gespielt.

Danach wurde es dann das erste Mal so richtig laut und die Lethargie der ersten gut 45 Minuten wurde mit einem der Publlkumslieblinge beendet. Zu den Originalklängen von „Alles Lüge“ durften dann auch die Livemusiker ran und zum ersten Mal an diesem Abend zeigte Lacrimosa ihr „rockiges“ Gesicht. Das Publikum, unter dass sich auch Fans aus Südamerika, Asien und Osteuropa mischten, war von Beginn an richtig gut drauf und sang hier erstmals richtig mit. Wunderschön. Danach wurde der frenetische Beifall von den Kirchenglocken „Crucifixio“s aus dem „Satura“-Album  unterbrochen, bei dem aus dem Soloprojekt Tilo Wolffs ein Duo mit Anne Nurmi wurde. Wieder ein schwermütiges, langsames Stück, welches live zwar gut hörbar ist, aber nie zu meinen Lieblingsliedern gehören wird. Doch auch dieses Lied kam gut an – da es an die Anfangszeiten erinnerte.

Und danach kam der Moment, auf den ich solange gewartet hatte – und nicht nur ich, wie der Beifall der ersten leisen Töne von „Flamme im Wind“ deutlich machte. Dieses Lied war mein Einstieg in die schwarze Szene und ist bis heute eines meiner absoluten Favoriten. Und hier straft Lacrimosa die Leuten Lügen, die behaupten, man könne live keine langen Lieder spielen – schon gar nicht ohne Gesang. Wie so oft bei den Instrumentalabschnitten überließ Tilo hier den Livemusikern die Bühne. Auch zeigt Lacrimosa hier wieder, warum Liveauftritte von ihnen immer etwas besonderes sind: Anstatt dröge einfach nur wie von CD zu klingen, werden die Lieder anders arrangiert, Texte abgewandelt und die Lieder spontan verlängert. Dieses Markenzeichen der Band zieht sich durch jeden Auftritt und macht jede Tour besonders.

Nach neuneinhalb Minuten folgte dann der verdiente Applaus, der sich begleitet von den Anfangsklängen meines Namensgebers dann gleich noch mal steigerte: „Schakal“ aus dem Album „Inferno“ –  ebenfalls ein Publikumsliebling, der nicht fehlen darf und in einer gewohnt rockigen Variante gespielt wurde – anders als das Original, welches eher ruhig ist. Die Stimmung im Publikum steigerte sich weiter, als mit „Stolzes Herz“ aus dem Album „Stille“  quasi die Lacrimosa-Hymne (neben „Alles Lüge“) gespielt wird. Danach durfte dann auch Anne ans Mikro.

Mit „Not every pain hurts“ folgte ein ebenfalls gelungener Auftritt, der – anders als bei einigen Auftritten sonst – auch vom Großteil des Publikums mitgetragen wurde.Hier merkte man besonders die Anwesenheit der südamerikanischen Zuschauer, die mit Annes Liedern wohl weniger Berührungsängste haben, als die deutschen, die bei früheren Auftritten unpassenderweise sich teilweise abgewandt hatten.

Danach folgten mit „Alleine zu zweit“ und „Halt mich“ zwei Lieder aus dem Album „Elodia“, was von vielen als bislang bestes Album Lacrimosas wahrgenommen wird. Bei „Halt mich“ durfte hier auch das Publikum mal ran und mitsingen. Im Chor wurde „Halt mich – mein Leben – halt mich fest!“ der Band entgegengeschrien, was für eine tolle Gänsehaut sorgte. Auch bei „Der Morgen danach“ aus dem Album „Fassade“ durfte das Publikum begleitet von den Livemusikern mitträllern. Darauf folgte „Liebesspiel“, welches mir bis heute nicht so richtig gefällt, aber auch live durchaus hörbar ist. Hier hätte ich mir einen der drei genialen „Fassade“-Sätze gewünscht, die aber live auf Grund des hohen Orchesteranteils nur schwer umsetzbar sind.

Mit den folgenden Liedern „Durch Nacht und Flut“ und „Malina“ waren wir im Jahre 2003 und dem Album „Echos“ angekommen, was auch das Jahr war, in dem ich zu Lacrimosa stieß und mir nach und nach alle vorherigen Album kaufte. Von den 25 Jahren durfte ich also immerhin die Hälfte quasi „live“ miterleben. Nach „Kelch der Liebe“ aus dem „Lichtgestalt-„Album wurde der lange, rockige Abschnitt für „Alles unter Schmerzen“ unterbrochen, nur um dann im „Feuer“ wieder für einen gitarrenlastigen Publikumsliebling zu münden. Ein schöner Kontrast aus dem Album „Sehnsucht“, der hier gewählt wurde. Die Gefühlsachterbahn ging mit „Ohne dich ist alles nichts“ (von „Schattenspiel“) weiter, welches wieder getragen und schwermütig an die „alten“ Zeiten erinnerte.

Mit Schrecken stelle ich dann fest, dass der nun folge Song bereits aus dem aktuellen Album war. „irgend ein Arsch ist immer unterwegs“ mauserte sich sehr schnell zu einem Publikumsliebling, auf den die „Rote Sinfonie“ folgte, bei der Lacrimosa den langen orchestralen Teil durch eine stark gitarrenlastigen Instrumentalabschnitt ersetzte. Tolle Idee. Danach folgte eine längere Ansage, bei der sich Lacrimosa für die jahrzehntelange Treue bedankte und gleichzeitig ein neues Album ankündigte. Dies – und der Hinweis darauf, dass man daraus auch ein Lied spielen wollte und gleichzeitig an der Videoleinwand das neue Cover und den neuen Albumtitel entüllen wollte – sorgte für Jubel. Mit den Anfangsklängen von „Kaleidoskop“ geschah dann auch das Angekündigte. Man darf gespannt sein, in was für eine Richtung das neue Album „Hoffnung“, so der enthüllte Titel, gehen wird. „Kaleidoskop“ jedenfalls war ein sehr schönes, rockiges und orchestrales Duett mit Anne, welches auch großen Anklang im Publkum fand – für den sich Tilo dann auch in der folgenden Ansage bedankte und gleich noch ein Lied aus dem neuen Album spielte: „Kein Schatten mehr“ – ein außergewöhnliches kurzes und eher ruhiges Stück, welches aber ebenfalls gut ankam.

Danach wurde sich unter langem Beifall vom Publikum verabschiedet und die Band verließ die Bühne. Natürlich wollte die Menge mehr. Nach jede Menge „Zugabe“ und „Lacrimosa, Lacrimosa“-Rufen kam die Band zurück und bedankte sich für den Zuspruch. Es wurde noch ein schönes Foto geschossen und es folgte eine weitere Ansage, in der sich dafür ausgesprochen wurde, bei all der Selbstverwirklichung die Liebe nicht zu vergessen. Ein schönes Statement und der Aufruf zur „Revolution“, die den Zugabenteil einleitete – eines meiner absoluten Lieblingslieder. Anne durfe dann auch noch mal ran und gab mit „If the word stood sill a day“ nochmal ein sehr schönes Lied zum besten, auf das mit „Lichtgestalt“ einer der Publikumslieblinge der Zugabenteil beendet wurde. Aber halt. Das geht nicht, dachte nicht nur ich. DER Rausschmeißer fehlte noch und wurde wehement vom Publikum gefordert.

Die Band kam erneut raus und bedankte sich sichtlich gerühert für den Zuspruch. Und dann kam er dann auch. „Copycat“ – der Metal-Rausschmeißer, bei dem die Band nochmal alles gibt und den Laden ein letztes Mal in Extase versetzte, Tilo und Anne tantzen auf der Bühne und gröhlten die Zeilen in die Menge. Dann war unter tosendem Applaus und langer Verabschiedung Schluss.

Über 3 Stunden tolle Unterhaltung. Eine emotionale Achtterbahn – wie man  es von Lacrimosa kennt. Über 3 Stunden für gut 34 Euro – da kann sich so manch Chartsglitzerdiva eine Scheibe von abschneiden.

Vielen Dank, Lacrimosa, für diese tolle Rückschau auf 25 Jahre Bandgeschichte und dafür, dass ich euch schon so lange begleiten darf.

Schakal

Blog-Battle 12: Phobie

Phobien sind ein Thema, welches ich mir auch schon überlegt hatte, da es sehr viel Spielraum bietet, im Gegensatz zu  solchen Themen wie Vergissmeinnicht. Ups, erlaubt es sich der Schakal doch direkt im ersten Satz schon, etwas zu kritisieren. Heutzutage habe ich das Gefühl, dass es eine regelrechte Kritikphobie unter den Menschen gibt. Selbst wenn diese vorsichtig und sachlich formuliert wird, fühlen sich viele direkt auf den Schlips getreten und persönlich beleidigt. Unter anderem dieses Verhalten der Menschen, hat dazu geführt, dass ich mich selbst als anthrophob und Misanthrop bezeichne.

In den vergangenen Blogs habe ich ja öfter darüber geschrieben, was mir quasi täglich an den Menschen auf den Nerven geht. Mich wundert es überhaupt nicht, wenn man dann Meldungen liest, dass in manchen Städten der Anteil an Einzelpersonenhaushalten inzwischen bei über 40% liegt oder es immer mehr beziehungsunfähige Menschen gibt. Es ist doch kein Wunder, dass man scheu wird, wenn man von den vermeintlich so hoch entwickelten Menschen immer wieder enttäuscht wird. Was bringt es, sich den Menschen zu öffnen, wenn man über kurz oder lang doch hintergangen, verraten, benutzt und weggeworfen wird? Warum soll ich meine Zeit mit einer Spezies verschwenden, die konfliktunfähig bei der kleinsten Kritik jahrelange Freundschaften von heute auf morgen beendet? Warum soll ich mich politisch engagieren, wenn  man sieht, wie in Hinterzimmern die politische Marionetten sich von Lobbyistenpuppenspielern an der Nase herumführen lassen?

„Was blieb uns, als sich langsam zurückziehen?“ ist die Textzeile eines schönes Liedes von Mantus. Mit den Erlebnissen und Beobachtungen besonders der letzten Jahre habe ich mich inzwischen soweit eingeigelt, dass ich kaum noch wen am mich wirklich heranlasse. Nach Außen hin gebe ich mich gerne unnahbar und verschlossen und laufe mit einer Maske durch die Gegend. Dies und die umgebungsgeräuschundurchlässigen Kopfhörer sind mein alltäglicher Begleiter durch das, was die Menschen „Leben“ nennen.

Doch was ist es, dieses Leben? Wir laufen täglich dem Geld hinter her, warten auf Arbeit auf-die-Uhr-glotzend aufs Wochenende, was dann entweder mit Nichtstun oder Aktivitäten gefüllt wird, zu denen man in der Woche nicht kommt. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat das selbe Spiel. Dinge wie Konzerte, Gothic-Stammtische und ähnliches sind schon fast Highlights, nach denen ich mich sehne, um den grauen Alltag… schwarz zu gestalten.

Man soll sich selbst verwirklichen, soll sein Leben selbst gestalten wie man es möchte. Wie man es möchte? Ich möchte gern mal nach Norwegen. Was brauch man dafür? Geld. Und dazu noch ein Transportmittel, bei dem man sich wieder mit dieser Spezies abgeben muss. Wieder müsste man sich unerwünschter Gesellschaft in zu engen Platzverhältnissen hingeben. Und wieder würde man sich über dieses und jenes aufregen. Sieht so Urlaub aus? Entspannung? Das geht nur ohne Menschen. Beziehungsweise: Es geht nur unter Anwesenheit bestimmter Menschen.

Ausschließlich. Bestimmter. Menschen.

 Wenn ich mich unter die Menschen wage, fallen meine Blicke oft auf ihre vierbeinigen Begleiter. Die Leinenhalter interessieren mich nicht. Mit den meisten Hunde fühle ich mich – obwohl ich sie nicht kenne – eher verbunden, als zu den grauen gesichtslosen Einheitsgesichtern der Menschen. Hunde sind ehrlich. Sie zeigen dir, was sie fühlen, was sie wollen. Sie zeigen Ablehnung, Zuneigung, Angst und Freude offen.  Sie verstellen sie nicht. Nicht wie die Menschen. Nicht wie erwachsene Menschen. Kinder sind normalerweise ähnlich ehrlich und offen wie Hunde. Kein Wunder, dass die meisten Hunde gut mit Kindern klarkommen.

„Wer seine Kindheit verschenkt hat, der wird nie gelebt haben.“ und „Erwachsen sein ist halb gestorben.“ Zwei Textzeilen von Relatives Menschsein die gerade passenderweise im Hintergrund den Weg in mein Trommelfell finden. Eine Band, die es leider schon lange nicht mehr gibt. Die Musik – mein täglicher Begleiter und Beschützer durch die Welt der Menschen, für die ich größtenteils nur Verachtung empfinde. Eine Spezies, zu der ich ungefragt dazugehöre… dazugehören muss. An meiner Zimmerwand hängt ein Bild eines Wolfes. Ein Schandfleck ist jedoch auf dem Bild: Auf einer Sprechblase steht darunter: „Mensch, Wald!“. Wald gerne. Aber bitte ohne die in der Sprechblase durchgestrichenen Menschen.

 Der Wolf, der sich einst  den Menschen anschloss und von ihnen teilweise ausgerottet wurde. So danken die Menschen der Natur ihre Offenheit. Ihr Vertrauen. Ausgenutzt hat man die Tiere. So wie es die Menschen immer machen. Alles dem Zweck und dem Nutzen unterordnen.

 Es ist eben nicht der böse Wolf, der täglich Verderben über diese Erde bringt. Es ist der Mensch. Ausschließlich. Alles andere ist der Lauf der Natur.

„Es ist nur die Wahrheit ihrer selbst, die ich in ihren Augen sah.“ (Mantus)

Schakal. Kanid. Wolf? Hund? Anthrophobischer Misanthrop. Gefangen in der Hülle, die sich „vernunftbegabter Mensch“ nennt.

Heute melancholisch. Und ist ist auch meine Themenvorgabe.

 Die Melancholie.

 Weitere Phobiker:

Ichigo Komori mit ihrem “The music box of a morbig wonderland”
Das Wetterschaf mit Schafen, Wetter und so
S
ebastian vom Pal-Blog
Mary von indubioprorea
C
helsea mit ihren vielen Dingen
Justine von Justine
the Lord himself

Blogbattle IV: Schwarz

Schwarz ist keine Farbe, sondern eine Einstellung. Dieser Spruch ziert mein Fratzenbuch-Profil und ist neben „Lieber schwarz als farblos“ einer meiner Lieblingssprüche zu dem Thema. Insgeheim hatte ich ja schon vermutet, dass jemand nach den bisherigen bunten Themen ein Thema vorschlägt, bei dem sich wohl vor allem die Gruftis wohlfühlen dürften. Ganz in schwarz wohlfühlen tue ich persönlich noch gar nicht so lange. Zwar höre ich seit gut 15 Jahren düstere Musik, nach außen hin lebe ich das Ganze allerdings erst seit einigen Jahren aus, was in erster Linie an den finanziellen Mitteln lag, mich entsprechend einzurichten oder zu kleiden. Inzwischen gehört das „Schwarzsein“ zu mir, wie ordentlich Käse zu einen Nudelauflauf.

Wenn ich auf meine favorisierten Lieder aus meiner Kindheit zurückblicke, fällt mir auf, dass auch schon zu dieser Zeit viele Lieder dabei waren, die eher einen melancholischen, nachdenklichen, klagenden, mahnenden oder ähnlichen Hintergrund, Text oder Klang haben, zum Beispiel „Who is it“ und „Heal the world“ von Michael Jackson, Dschinghis Khan mit „Olé Olé“, die „Jeanny“-Reihe von Falco, Meat Loaf mit „I’d do anything for love“ oder „Solo“ von Thomas D. und Nina Hagen. Bei der Recherche fällt mir gerade auf, dass „Solo“ schon 17 Jahre her ist. Um die Jahrtausende war es dann auch, als ich mich mehr für Bands wie E Nomine und Deine Lakaien interessierte und der allgemeinen Chartsmusik immer weniger Beachtung schenkte.

Als mir dann ein Chatbekanntschaft „Flamme im Wind“ von Lacrimosa empfahl, war’s um mich geschehen. Dieser Song ist für mich bis heute einer meiner absoluten Lieblingslieder aus der dunkeldüsteren Musik – auch wenn den Oldschool-Gruftis bei dem Satz vermutlich die letzten grauen Haare ausfallen, schließlich ist ja alles nach Bauhaus und The Cure Mainstreammist, Kommerzkacke und untrue.

Zeitgleich entwickelte sich privat eine Spirale aus Arbeits- und damit verbundener Perspektivlosigkeit, dem Gefühl in der Welt „nicht anzukommen“ noch so einiges mehr, die dazu führte, dass ins Besondere Lacrimosa mit ihren Texten offene Türen einrannten. Noch heute bin ich der Musik, meiner Mutter und dem Dychterfyrsten Maddin dafür dankbar, (nicht nur) in dieser Zeit für mich da gewesen zu sein. Der Einfluss von Maddin war es auch, der mich zu politischem Denken inspirierte. Das hatte zwar zur Folge, dass ich für die Menschen und ihre Taten noch mehr Abscheu entwickelte, als eh schon vorhanden war, dennoch konnte ich mir so einiges an Wissen und Hintergrundinformationen aneignen und dadurch eine politische Haltung annehmen, die nebenbei dazu führte, mich auch für Kabarett und Karikaturen zu interessieren.

Wenn mir in meiner Jugendzeitjemand gesagt hätte: „Du wirst mal in ein Museum und ein Theater gehen“, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Was allerdings 100%ig auch in 20 Jahren NICHT passieren wird, ist, dass ich Parteien wie CDU, SPD, Grüne, Liberale (egal in wieviele Splittergruppen sie sich aufteilen) oder Nazis wähle. Wie man anhand einer eben genannten Parteien sieht, gibt es allerdings auch für mich schwarze Dinge, die ich nicht schön finde Ja, das gibt es. Schwarzschimmel gehört da zum Beispiel auch zu. Es gibt aber auch Dinge des Alltags in schwarz, wo mir die Standardmodelle dann doch ausreichen: Toilettenpapier und Zahncreme. So weit geht meine Liebe (und mein Geldbeutel) dann doch nicht.

Es ist jedoch nicht nur die Musik, die dazu führte, mich dem Schwarz hinzugeben. Wie bereits erwähnt war es das politische Interesse, aber auch eine gewisse Isolation und Menschenscheu, die ich im Laufe der Jahre (auch auf Grund zu Bruch gegangener, jahrelanger Freundschaften, die den Begriff auch verdienten) entwickelte. Hier spielt auch der Umstand rein, dass ich schon immer ein introvertierter Einzelgänger war, der – abseits der Menschen, die ihn verstehen – sich eher distanziert verhalten hat. Auch dank meiner falschen Arbeitskolleginnen habe ich es mir inzwischen angewöhnt, mit mindestens einer Maske und Unnahbarkeit durch die Menschenmenge zu laufen.  „Was von außen schwer zu betrachten, ist von innen schon fast zerstört“ spiegelt durchaus den Zustand wieder, den ich so versuche zu schützen. Ich erlaube es nur noch denjenigen, die mich jahrelang kennen (und trotzdem mögen), hinter die Maskerade und Fassade zu schauen. Denn diesen wenigen Menschen (und viele Jahre auch meine treue Hundedame) müssen mich nicht fragen, wie es mir geht. Sie wissen es.

Das bewusste Tragen (mit Ausnahme hochsommerlicher Tage) ausschließlich schwarzer Kleidung ist für mich in erster Linie das bewusste Ausleben und Zeigen des Gefühls „schwarz zu sein“ und dem Wunsch, mich nach außen hin abzugrenzen. Auch dies klappt wiederum ganz gut. Selbst ein einfacher Ledermantel reicht schon, um in der Stadtbahn mindestens einen Platz neben mir frei zu haben. Interessanterweise sind es meistens Kinder, die es sich trauen, neben den bösen, schwarzen Mann zu setzen. Tja, liebe Erwachsene: Nehmt euch mal ein Beispiel an vorurteilsfreiem „kindischen“ Verhalten.

Übertrieben finde wiederum Gothics, die selbst bei 30 Grad im Schatten noch im schwarzen Mantel rumlaufen und sich wundern, warum ihnen warm ist und sie transpirieren wie ein Wasserfall. So true muss ich – und inbesondere mein bei heißen Temperaturen eh schon angegriffener Kreislauf – dann doch nicht sein. Das gilt auch für meine Wohnung: Zwar habe ich auch einige Einrichtungsgegenstände in schwarz, allerdings ist zumindest mein Wohnzimmer an sich recht hell – zumindest so hell, wie eine Erdgeschosswohnung sein kann, die umgeben von dichten und hohen Bäumen ist. Permanent in abgedunkelten Räumen mit dunklen Wänden und ohne Tageslicht zu leben würde mich wohl depressiv machen. Diese Phase habe ich zum Glück hinter mir gelassen und brauch ich auch nicht noch mal.

Schlafen tue ich übrigens, wie viele andere Gothics auch, in einem normalen (dennoch schwarzen) Bett und nicht im Sarg, wie es so manch Vorurteil gerne sagt. Und mit einem mit Vorurteilen spielenden Fanvideo zu einem tollen Lied (welches zu den wenigen rein-elektronischen Liedern gehört, die ich mag) verabschiede ich mich für diese Woche..

 

Schakal

Weitere Teilnehmer:

Chaos – Kisa,
Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Der DychterFyrst
Mary von indubioprorea
Sebastian vom Pal-Blog
Dark Lord