Blog-Battle 22: fremd

Es ist Samstag früh. Um 7:00 Uhr dröhnt ein infarnalischer Lärm aus dem Fenster in meinen Gehörgang und beendet den bislang so tiefen Schlaf abrupt. Ein Laubblasgerät beschallt meine Ohren. Bereits vor dem Aufstehen macht sich das erste Mal dieses Wort – dieses Gefühl – in mir breit.

Nachdem ich das Fenster, welches als einzige Kühlquelle über Nacht es ermöglicht, der tagsüber entstandenen Hitze in diesem Raum etwas Linderung zu verschaffenen, geschlossen habe, begebe ich mich nach den üblichen Ritualen zum Start in den Tag zum nahegelegenen Bäcker. Eingehüllt in schwarz und mit Schallabschottung auf den Ohren betrete ich den Gehweg, der wohl das Eigentum eines mich fast über den Haufen (mit Kopfhörern auf den Ohren) fahrenden Radfahrers zu sein scheint, der im Augenwinkel über eine Straße heizt und dabei einen Autofahrer zur Vollbremsung zwingt.

Gezwungenermaßen nehme ich vor dem Überqueren der Straße meinen Schallschutz von den Ohren, die gerade die Textzeile „Ich hasse es immer noch, die Anwesenheit von mir nicht geduldeter Lebewesen in meiner Nähe ertragen zu müssen“ von Samsas Traum’s „Angst II“  vernahmen und – nach Überqueren der Straße – das Brüllen eines Erwachsenen, der sein weinendes Kind immer wieder anschreit, vernehmen. Und wieder ist es da: Dieses Gefühl – dieses Wort.

Beim Bäcker angekommenen werde ich erneut dazu gedrängt, meine Ohren  dem Song „Meine Welt“ von Lacrimosa abzuwenden und den Mitexistenzen zu widmen. Ein Mann deutlich älteren Semesters steht etwas weiter vor mir an der doch recht großen Schlange. Er möchte 2 Brötchen mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Auf den freundlichen Hinweis der Verkäuferin, dass, wenn jeder mit 50 Euro 2 Brötchen zahlen würde, sie kein Kleingeld mehr hätte, gibt es eine pampige und unfreundliche Reaktion seitens dieser Existenz. Und auch hier spricht die Musik mir aus der Seele: „Wer weiß schon denke, was ich fühle?“… wenn ich solche Ignoranten ertragen muss. Nachdem ich mit selbstverständlich vorher abgezähltem Kleingeld meine Brötchen bezahle, verlasse ich den Laden – begleitet von diesem Gefühl – diesem Wort.

Fernab menschlichen Treibens ziehe ich mich in mein Reich zurück, welches nun – nachdem das Insekteneinsauggerät seine naturfeindliche Arbeit getan hat und schweigt – erstmal belüftet wird, bevor die von vielen so erhoffte Hitze meinen Kreislauf wieder vor Herausforderungen stellt und die Wohnung auf einen Wert aufheizt, bei dem an einen spätereren, gesunden Schlaf nicht zu denken ist.

Nach einiger Zeit der durch Vogelgezwitscher begleiteten Stille überlege ich während des Frühstücks einen möglichen Ansatz für meinen neuen Blogtext im Rahmen des Blog-Battles, bei dem sich besonders auf Grund mancher Kommentare und Ansichten schon öfter dieses Gefühl breitmachte – besonders, wenn diese einen persönlichen und emotionalen Beitrag anders (schlechter) bewerten, als ein völlig zusammenhangloses, kritisches Aneinanderreihen menschlicher Handlungsweisen, welches dann auch noch als bislang bester Blog-Battle-Beitrag von allen angesehen wird, obwohl er nichts persönliches und eigenständiges enthielt. In solchen Momenten – und auch beim ansehen kabarettistischer Beiträge – ist dieses Gefühl besonders stark.

Genauso stark ist dieses Gefühl auch  dann, wenn Kommentatoren bemängeln, dass das Stichwort in einem Text nicht oder nicht oft genug benannt wird. Wie diese Leute wohl das Album „Sehnsucht“ von Lacrimosa bewerten würden, in denen das Wort ‚Sehnsucht‘ außer in dem Namen eines Titels nirgends vorkommt? Und wieder kommt mir ein Textabschnitt in den Sinn: „Wenn müde Zungen sich verknoten und die Dummheit wieder zirkuliert, siegt in jedem schwachen Herz die Intoleranz. Ein Angriff als Verteidigung und die Schlacht beginnt“. Aus den Gedanken und der Stille heraus weiß ich, dass dieses Lied – der Brennende Komet von Lacrimosa – das nächste ist, was ich mir anhören werde.

Nachdem ich meine Schreibmaschine, auf der man nebenbei auch noch Spielen, Musikhören oder Videos schauen kann, angeworfen habe, wird zunächst ein  bisschen Zeit mit genau solchen Beschäftigungen totgeschlagen, bis die 2. Pflicht dieses Tages ruft. Wieder hülle ich mich in schwarz und verlasse samt einigen Einkaufsbeuteln die Wohnung – diesmal ohne schützende Kopfhörer. Diesmal werde ich nicht von einem Harakiri-Radfahrer fast überfahren, sondern komme gefahrlos über Fußweg und Straße, auch wenn der Autofahrer, den ich an einer Kreuzung vorbei ließ, offensichtlich eine Blinkerbetätigungsphobie hat. Ich laufe Richtung Stadtbahn und sehe von weitem, wie eine Frau statt über den 50 Metern entfernten Überweg über das Gleisbett läuft, dabei stürzt und auf die Gleise fällt. Der mit an dieser Stelle gut 60 km/h heranrasende Stadtbahnfahrer kann auf Grund der weiten Sicht gerade noch rechtzeitig bremsen. An anderen Stellen des Stadtbahnnetzes hier wäre dies ihr letzter Mangel an Selbst- und Umgebungsreflketion gewesen. Inzwischen hat die Dame das Gleisbett verlassen und läuft scheinbar taubstummblindblöd bei Rot über eine Ampel, um die Bahn auf der gegenüberliegenden Seite noch zu erreichen, die aber schon längst abfahrbereit am Bahnsteig steht. Das Gefühl – dieses Wort – ist auch beim Betrachten dieser Szene präsent.

Omnipräsent ist es vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln. So auch heute. Das erste, was mir beim Betreten in den Zug entgegenschallt, ist der blecherne Klang von einem deutsch-rappenden Hirnfeulniserzeuger aus nicht-schallisolierenden In-ear-Hörern einer Gestalt, die sich in Klamotten in die Öffentlichkeit traut, die man eigentlich nur für Trainingszwecke im Sport gedacht sind. Ich versuche, zwischen mir und dem Klangungeheuer so viel Abstand wie möglich herzustellen und setze mich ans andere Ende des Wagens. Hier werden meine Ohren jedoch von den neuesten Menstruationsbeschwerden einer Mitfahrerin gequält. Und wieder schießt mir eine Textzeile von heute morgen aus „Angst II“ durch den Kopf: „Angst macht mir in solchen Augenblicken lediglich das Gefühl, in dem ich mir eingestehen muss, dass diese beiden Menschen keinen blassen Schimmer davon haben, was in der Welt um sie herum passiert.“

Dieses Gefühl macht sich dann auch im Einkaufstempel breit. Dass der Mensch nicht gerade der hellste Stern in am Evolutionsfirmament ist, zeigt sich auch hier. Anstatt die Einkaufskörbe möglichst so abzustellen, dass sie nicht vor Regalen oder in schmalsten Gängen stehen, wird genau das gemacht. Schiebt man diese dann aus dem Weg, erntet man dann entsprechende Körperreaktionen. „Wann kommt die Flut?“ frag ich mich dann, die Melodie dieses Evergreens von Joachim Witt und Peter Heppner im Kopf summend. Als ich an die Kasse komme, stehen dort 3 Leute vor mir. Hinter mir wird nach einer 2. Kasse gebrüllt – bevorzugt von Leuten, die stundenlang Obst mit ihren ungewaschenen Händen antatschen und dann doch nicht mitnehmen.

Selbiges gilt auch für Zeitungen, bei denen ich immer öfter frage, ob das, was dort abgedruckt wird, noch Jouralismus ist. Mit Kopierpasta werden dort  Agenturmeldungen abgedruckt, ohne diese kritisch zu hinterfragen und jeden Tag mindestens eine Sau durch den Blätterwald getrieben, während die Auswirkungen und Ursachen von Krieg, Gewalt, Terror, Klimaveräderung und Umweltzerstörung kaum Platz finden. Da wird  lieber über den endlich einkehrenden Sommer gejubelt. Aber das hatten wir ja schon.

Bis ich wieder zuhause bin, erlebe ich noch viele weiteren Szenen und Ereignisse, in denen ich mich unter all den Menschen so fühle, wie es dieses Wort beschreibt. So wie diese Zeile von Black Heavens „Ich sehe“:

„Die Welt, in der wir  leben – die man so gern verspricht -, ist nicht die Welt für jeden, der daran zu zerbricht.“

Schakal

Noch mehr Wörter (und Gefühle) gibts hier:

Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Pal-Blog
Chelsea
Justine
The Lisa/Lilly
Laura
Dark Lord
Wicca

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6 Antworten zu “Blog-Battle 22: fremd

  1. Ein schönes Beispiel, dass ein Post nicht unbedingt das Thema des Wortes beinhalten muss.
    Bei einem bewerteren Battel an Toleranz zu appellieren, passt aber nicht so ganz. Trotzdem 2

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