Blog-Battle 20: Selbstverständlichkeit

Zu einer gewissen Selbstverständlichkeit scheint es seit gut 20 Wochen geworden zu sein, zusammen mit einigen Mit-Bloggern das Hirn durch zu pusten und quasi „auf Kommando“ zu einem Stichwort etwas zu schreiben. Das klappte bislang auch recht gut und kann gern so beibehalten werden. Wie selbstverständlich programmiert man seine Blogschreibhilfesoftware so, dass diese dann auch genauso pünktlich um 12 Uhr den bereits vorerfassten Blogtext serviert wie in gutbürgerlichen Familien das Mittagessen zur selben Zeit. Da  das irgendwie in letzter Zeit irgendwie nicht so klappt, wie ich das gerne möchte, werde ich ab sofort die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen, und meine Beiträge manuell veröffentlichen. Selbstverständlich um 12. Oder auch nicht. Wenn ich nicht da bin, ist das halt eben so.

Generell scheint der Mensch recht schnell Dinge als selbstverständlich zu erachten, wenn diese in gewisser Regelmäßigkeit auftauchen. Bei mir auf Arbeit zum Beispiel gab es vor einiger Zeit die Erlaubnis, bei einer überschaubaren Menge an Arbeit Freitags bei sommerlichen Temperaturen nach Rücksprache früher Feierabend machen zu dürfen. In dieser Vorgabe stecken vier Voraussetzungen. Was macht der vernunftbegabte Mensch daraus? Er fragt neuerdings jeden Freitag, ob er früher Feierabend machen darf – nur weil genau diese Konstellation zufällig in 3 aufeinanderfolgenden Wochen eintrat. Dann wiederum wundert sich Otto Normalo, warum er es eben nicht darf, weil zum Beispiel noch genug zu tun ist und blökt dann was von wegen „Ja, aber die letzten Freitage durften wir das doch auch.“

Neben dem Verhalten der meisten Menschen sind auch so manche Phrasen der Menschen etwas, was mir die Schakalnackenhaare zu Berge stehen lässt. Welchen Sinn Sätze haben, die mit einem zustimmenden Widerspruch anfangen, hab ich bislang genauso wenig verstanden wie die inflationäre Verwendung des Wortes „Leider“ bei jeder noch so harmlosen Bemerkung, dass irgendetwas nicht geht, klappt, usw. Leider ist es mir nicht möglich, den Beitrag bis 12 Uhr fertigzustellen. Bla. Dieses unterschwellige Entschuldigenmüssen für einfachste Fakten oder Banalitäten scheint heute für viele auch selbstverständlich zu sein.

Auch sonst fragt sich der Mensch bei vielen alltäglichen Dingen nicht mehr, was nötig ist, um diesen Standard, den wir in den vermeintlich hochentwickelten Industrienationen haben. Wir schalten das Licht ein, ohne uns zu fragen, welche Leistung dafür nötig ist. Wir kaufen uns jedes Jahr die nach geplanter Obsoleszenz eh kaputtgehenden Smartphones der neuesten Generation ohne uns zu fragen, was mit den meistens noch funktionsfähigen Geräten passiert oder was für natürliche Ressourcen in jedem dieser elektronischen Geräte stecken, die nicht mehr darauf ausgelegt sind, lange zu halten, sondern den Profit gieriger Unternehmen zu maximieren. Wir fragen uns nicht, wo das Öl herkommt, das wir verbraten, um mit der eigenen Kutsche 100 Meter zum Bäcker zu fahren. Es ist uns egal, dass wir für das massenweise Ausdrucken von Werbezeitschriften Regenwälder und damit unsere Existenzgrundlage fällen.

Wir erwarten wie selbstverständlich, dass die Natur sich schon von selbst in dem Tempo regeneriert, wie wir sie zerstören und ausbeuten; und wenn sie das nicht kann, sind wir so überheblich, dass wir an Altkleiderboxen Phrasen wie „die Natur braucht Hilfe“ schreiben. Die Natur braucht nur eines: Keine Menschen.

So gleichgültig-selbstverständlich wie der Mensch mit der Existenz der Natur umgeht, geht er auch mit sich selbst um. Er erwartet, dass die ihm wichtigen Personen einfach immer da sind. Dass der Mensch jedoch auch nur ein Maximalhaltbarkeitsdatum hat – wie die Lebensmittel die er arglos entsorgt, obwohl sie noch lange Zeit genießbar wären – vergisst er dabei. Er vergisst, dass  Freundschaften, Ehen und Lebensgemeinschaften gepflegt werden müssen. Dazu gehört es eben nicht nur darauf zu vertrauen, dass diese Personen einfach da sind.

Hierzu kann ich ein schönes Beispiel aus meiner Verwandtschaft geben. Für meine Oma, die 5 Kinder hat, wurde zu ihrem 80. Geburtstag eine große Geburtsfeier veranstaltet, bei der die gesamte Familie eingeladen und auch größtenteils anwesend war. Dort wurde dann festgestellt, dass man ja (obwohl man größtenteils in der selben Stadt wohnt) sich viel zu selten sieht und man doch mal öfter etwas zusammen unternehmen könnte. Demnächst feiert meine Oma ihren 85. Geburtstag und bei den leeren Phrasen ist es geblieben.

Auch diese Menschen gehören zu der sorte Leute, die erst dann merken, was sie am anderen haben, wenn diese unter der Erde liegen. Wer jedoch im Diesseits kein Interesse zeigt, der braucht dann auch keins zu zeigen, wenn der jeweils andere unter der Erde liegt. Dieses Beispiel zeigt deutlich die Kälte, die die Menschen doch so oft kritisieren. Wie selbstverständlich wird die Existenz der anderen Geschwister hingenommen. Aber wehe, man schafft es dann nicht zu den Beerdigungen. Dann darf man sich Vorhaltungen anhören, man hätte ja kein Interesse und Respekt.

Auf Interesse und Respekt kann ich, wenn ich unter der Erde liege, verzichten. Dann kann ich ihn  a) nicht erwidern und b) bekomme davon eh nix mehr mit. Ich erwarte selbstverständlich, dass diese Dinge mir zu Lebzeiten entgegegen gebracht werden.

Schakal

Selbstverständlich beteiligen sich auch diese Blogger an dem Battle:

Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Pal-Blog
Chelsea
Justine
The Lisa/Lilly
Laura
Dark Lord

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6 Antworten zu “Blog-Battle 20: Selbstverständlichkeit

  1. Leider muss ich hier wieder bewerten (nur um mal ein Pflicht-„Leider“ unterzubringen). Nein, nicht leider. Der Post ist gut geworden und gefällt mir. Eins minus (um noch etwas Platz nach oben zu lassen).

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  2. Ich kenne Deine Familie zwar nicht, aber zu ihrer Verteidigung muss ich anbringen dass es nicht immer Desinteresse sein muss, sondern auch an mangelnder Zeit liegen kann. Die Terminpläne sind bei einigen immer vollgestopfter und man nimmt sich immer mehr in immer weniger Zeit vor. Eh man sich versieht ist dann wieder eine Ewigkeit vergangen in der man sich nicht gesehen hat…
    Ich schließe mich mal der Meinung von Pal an (was NICHT selbstverständlich ist 🙂 )und gebe dir eine 1-

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