Konzert- und Kabarettbesuch bei Unzucht und Simone Solga

In den letzten Wochen war ich mal wieder „Auf Achse“. Zum einen habe ich der Unzucht meine Lauschlappen spendiert und zum anderen durfte mein Zwerchfell sich bei der Politkabarettistin Simone Solga mal wieder so richtig austoben. Beide Termine fanden unter der Woche statt, sodass ich auch dank Arbeit und Arztbesuchen quasi von früh bis nach Mitternacht unterwegs war. Aber die Anstrengungen wurden belohnt.

Als Vorband zur Unzucht trat die Band The Fright auf, die sich auf ihrer Facebook-Seite als „Horrorock-n-Roller“ bezeichnen. Was an der Band oder an der Musik jetzt Horror sein soll, hat sich mir zumindest an dem Abend nicht erschlossen. Es war für mich eine Band von vielen, die zwar gut Krach machen können, aber ansonsten nicht wirklich meinen Geschmack getroffen haben und aus der Masse ähnlicher Bands auch nicht wirklich herausstechen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sie im Gegensatz zu Unzucht (obwohl auch sie aus Deutschland kommen) englisch singen. Ich werde mich nie in englische Texte so „reinfühlen“ können, wie ich es in Texte meiner Muttersprache kann. Da für mich Text, Musik und Gesang eine Einheit bilden muss, die mir gefällt, wird The Fright leider nicht in meine engere Auswahl fallen. Meinen beiden Begleitern allerdings hat die Band gut gefallen.

Unzucht selbst feierten ihr 5-jähriges Bestehen mit einem extra-langen Set. Von Anfang an sprang der Funken über. Man hat der Band, vor allem Sänger Daniel Schulz, angemerkt, wie überwältigt sie von dem permanenten Zuspruch des Publimums war. Gesanglich war das Konzert sehr gut gelungen. Gesang und Musik waren meistens sehr gut abgemischt und es fiel der Band nicht schwer, das Publkum mitzureißen. Auch die Ansagen haben gute Wirkung gezeigt – besonders bei „Nur die Ewigkeit“, in der Der Schulz denjenigen gedachte, die auch er verlor. Dieses Lied ist für mich eines meiner Lieblinge. Dazu gehört auch „Unzucht“, bei dem das Publikum dann Den Schulz stagedivenderweise auf Armen tragen durfte. Natürlich durfte auch die Kleine, geile Nonne und die Kracher Rosenkreuzer, Unendlich und Schwarzes Blut nicht fehlen. Auch das Livedebut mancher Songs fand Zuspruch.

Die Abfolge der Lieder hat mir seeehr gut gefallen. Besonders klasse war, dass „Wir sind das Feuer“ sowohl zu Beginn vollständig und zum Ende angespielt wurde, um das Publikum am Ende ohne Musikbegleitung den Refrain wiederholen zu lassen. Danach gab es dann noch ein Geburtstagsständchen seitens der Lauschlappenspenderund die Show war vorbei. Ein sehr gelungener Abend, der zeigte, dass Unzucht definitiv auch in der Schwarzen Szene einen Platz gefunden haben und „angekommen“ sind – und nicht nur dort, wie man anhand des Kleidungsstils einiger Anwesenden dort feststellen durfe. Nachdem Unzucht (nicht nur) mich ja bereits letztes Jahr auf dem Amphi überzeugt haben, dürften sie dies wohl auch dieses Jahr beim Mera Luna tun. Im Zusammenhang mit Festivals musste ich leider auch lesen, dass das Blackfield dieses Jahr das letzte mal stattfindet. Sehr schade.

Vergangene Woche ging es dann bei weitem ruhiger zu – beim Kabarett mit Simone Solga. Sie trat in Hannover an einem nicht gerade für mobilitätseingeschränkte Menschen geeinigten Ort auf, zu dem man nur über eine steile und sehr enge Wendeltreppe gelang, was aber auch meinen Eindruck dieses Stadtteils generell wiedergibt, in dem die Veranstaltung stattfand. Alt, sanierungswürdig und eben nicht behindertengerecht. Im Gegensatz zu den Publikumsbodenhaltungsanlagen wird man dort aber immerhin noch an kleinen Tischen auf bequemen Stühlen sitzend persönlich bedient. Dass man hierbei zwangsläufig vor Veranstaltungsbeginn in Gespräche – egal ob aktiv oder passiv – verwickelt wird, ist widerum eine Sache, die mir nicht so zusagt. Generell scheint es immer weniger junge Erwachsene zu geben, die Kabarettabende besuchen. Der Altersdurchschnitt vieler Veranstaltungen, in denen ich war, ist doch jenseits der 40. Ein Zehntel an den meisten Abenden war vielleicht unter 30. Auch hier scheint sich die Politikverdrossenheit und das Desinteresse an politischer Meinung besonders unter den Jüngeren recht deutlich zu zeigen. Wobei ich mich da selbst nicht ausnehmen möchte: Auch ich hab die ersten Kabarettabende erst so mit Mitte 20 besucht.

Jedenfalls hinterließ der Abend ein recht gemischtes Gefühl bei mir, was jedoch eher weniger an der Kabarettistin lag. Diese schaffte es in der Rolle als Kanzlerinnenberaterin stets die derzeit herrschenden politischen Verhältnisse aufs Korn zu nehmen. Dabei kritisierte sie nicht nur die Regierung, die so dermaßen blind an den Wünschen vieler Menschen hinwegregiert, dass es (wie sie auch richtig sagte) erstaunlich ist, dass die Opposition so wenig daraus Kapital schlagen kann. Was soll man schon noch erwarten von einer sozialdemokratischen Partei, deren Führung die GDL auf die Ängste der Industrie hinweist – und zwar während zig Journalisten Kameras und Mikrofone hinhalten? Warum sagt da nicht mal einer: „Ihr als SPD wart mal die Arbeiterpartei. Was ist nur auch euch geworden?“

Das  Publikum scheint ob der schnellen Redegeschwindigkeit, die Simone Solga am Abend dann selbst aufs Korn nimmt, teilweise überfordert. Einige der teilweise nur „so nebenbei“ erwähnten Pointen wären komplett im Sand verlaufen, wenn nicht einige wenige angefangen hatten zu klatschen. Auch den Veranstaltungsort nahm sie öfter mal ins Programm auf. Hier kam es dann zu den ersten nervigen Zwischenrufen. Als sie sagte: „Hier in Hannover….“ wurde sie mit „Wir sind hier in Linden!“ unterbrochen. Da war es wieder. Das widerliche Gesicht dieses Stadtteils, der meint irgendwie was Besonderes zu sein, nur weil er älter ist, als die Stadt, zu der er nun mal gehört. Wenn Linden so viel besser wäre als Hannover, würde Hannover heute Linden heißen und Hannover wäre damals von Linden eingemeindet wurden – nicht andersrum. Nachdem das Ganze dann 2 mal vorkam. meinte sie dann sinngemäß: „In den Linden gibt’s auch die meisten Dazwischenrufer – wär ich mal nach Hannover gefahren“. Danke dafür! Gekonnt strich Frau Solga an dem Abend die meisten Stellen, in denen Hannover vorkommen sollte und nannte es dann Linden. Dort wo es passte, wurde dann Hannover (oder Braunschweig) als Gegenpol eingefügt. Mich selbst nervten sowohl die Zwischenrufe als auch das ständige Kommentieren mancher Anwesenden um mich rum.

Die beiden kurzen Gesangseinlagen fand ich  etwas deplaziert, aber noch erträglich (im Gegensatz zu Wilfried Schmickler, der seine Auftritte mit pseudocoolem Sprechgesang meint aufhübschen zu müssen). Generell halte ich von solchen Aktionen bei Kabarettveranstlaltungen eher wenig. Auch das Ende, in dem sie sich bei einem Zuschauer auf den Schoß setzte, der sie dann noch umarmen sollte, fand ich… unpassend. Ich persönlich hätte mich dabei sehr unwohl gefühlt. Aber ingesamt war es ein gelungener, amüsanter Abend, bei dem Simone Solga es schaffte, das Publikum mitzureißen und die Hardcore-Lindener auf die Schippe zu nehmen, was ins Besondere bei dem doch höheren Anteil Nicht-Lindener natürlich besonders gut ankam. Gut hat mir auch die abschließende Fragerunde gefallen, in der sie Fragen aus dem Publikum gestattete. Auch hier glänzte ein Frager wieder durch mangelnde Erziehung indem er Frau Solga dutzte. Als Antwort kam dann „Ach, sind wir schon beim Sie?“

Beides also ingesamt schöne Abende, für die sich die Anstrengungen vorab gelohnt haben.

Schakal

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