Blogbattle IV: Schwarz

Schwarz ist keine Farbe, sondern eine Einstellung. Dieser Spruch ziert mein Fratzenbuch-Profil und ist neben „Lieber schwarz als farblos“ einer meiner Lieblingssprüche zu dem Thema. Insgeheim hatte ich ja schon vermutet, dass jemand nach den bisherigen bunten Themen ein Thema vorschlägt, bei dem sich wohl vor allem die Gruftis wohlfühlen dürften. Ganz in schwarz wohlfühlen tue ich persönlich noch gar nicht so lange. Zwar höre ich seit gut 15 Jahren düstere Musik, nach außen hin lebe ich das Ganze allerdings erst seit einigen Jahren aus, was in erster Linie an den finanziellen Mitteln lag, mich entsprechend einzurichten oder zu kleiden. Inzwischen gehört das „Schwarzsein“ zu mir, wie ordentlich Käse zu einen Nudelauflauf.

Wenn ich auf meine favorisierten Lieder aus meiner Kindheit zurückblicke, fällt mir auf, dass auch schon zu dieser Zeit viele Lieder dabei waren, die eher einen melancholischen, nachdenklichen, klagenden, mahnenden oder ähnlichen Hintergrund, Text oder Klang haben, zum Beispiel „Who is it“ und „Heal the world“ von Michael Jackson, Dschinghis Khan mit „Olé Olé“, die „Jeanny“-Reihe von Falco, Meat Loaf mit „I’d do anything for love“ oder „Solo“ von Thomas D. und Nina Hagen. Bei der Recherche fällt mir gerade auf, dass „Solo“ schon 17 Jahre her ist. Um die Jahrtausende war es dann auch, als ich mich mehr für Bands wie E Nomine und Deine Lakaien interessierte und der allgemeinen Chartsmusik immer weniger Beachtung schenkte.

Als mir dann ein Chatbekanntschaft „Flamme im Wind“ von Lacrimosa empfahl, war’s um mich geschehen. Dieser Song ist für mich bis heute einer meiner absoluten Lieblingslieder aus der dunkeldüsteren Musik – auch wenn den Oldschool-Gruftis bei dem Satz vermutlich die letzten grauen Haare ausfallen, schließlich ist ja alles nach Bauhaus und The Cure Mainstreammist, Kommerzkacke und untrue.

Zeitgleich entwickelte sich privat eine Spirale aus Arbeits- und damit verbundener Perspektivlosigkeit, dem Gefühl in der Welt „nicht anzukommen“ noch so einiges mehr, die dazu führte, dass ins Besondere Lacrimosa mit ihren Texten offene Türen einrannten. Noch heute bin ich der Musik, meiner Mutter und dem Dychterfyrsten Maddin dafür dankbar, (nicht nur) in dieser Zeit für mich da gewesen zu sein. Der Einfluss von Maddin war es auch, der mich zu politischem Denken inspirierte. Das hatte zwar zur Folge, dass ich für die Menschen und ihre Taten noch mehr Abscheu entwickelte, als eh schon vorhanden war, dennoch konnte ich mir so einiges an Wissen und Hintergrundinformationen aneignen und dadurch eine politische Haltung annehmen, die nebenbei dazu führte, mich auch für Kabarett und Karikaturen zu interessieren.

Wenn mir in meiner Jugendzeitjemand gesagt hätte: „Du wirst mal in ein Museum und ein Theater gehen“, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht. Was allerdings 100%ig auch in 20 Jahren NICHT passieren wird, ist, dass ich Parteien wie CDU, SPD, Grüne, Liberale (egal in wieviele Splittergruppen sie sich aufteilen) oder Nazis wähle. Wie man anhand einer eben genannten Parteien sieht, gibt es allerdings auch für mich schwarze Dinge, die ich nicht schön finde Ja, das gibt es. Schwarzschimmel gehört da zum Beispiel auch zu. Es gibt aber auch Dinge des Alltags in schwarz, wo mir die Standardmodelle dann doch ausreichen: Toilettenpapier und Zahncreme. So weit geht meine Liebe (und mein Geldbeutel) dann doch nicht.

Es ist jedoch nicht nur die Musik, die dazu führte, mich dem Schwarz hinzugeben. Wie bereits erwähnt war es das politische Interesse, aber auch eine gewisse Isolation und Menschenscheu, die ich im Laufe der Jahre (auch auf Grund zu Bruch gegangener, jahrelanger Freundschaften, die den Begriff auch verdienten) entwickelte. Hier spielt auch der Umstand rein, dass ich schon immer ein introvertierter Einzelgänger war, der – abseits der Menschen, die ihn verstehen – sich eher distanziert verhalten hat. Auch dank meiner falschen Arbeitskolleginnen habe ich es mir inzwischen angewöhnt, mit mindestens einer Maske und Unnahbarkeit durch die Menschenmenge zu laufen.  „Was von außen schwer zu betrachten, ist von innen schon fast zerstört“ spiegelt durchaus den Zustand wieder, den ich so versuche zu schützen. Ich erlaube es nur noch denjenigen, die mich jahrelang kennen (und trotzdem mögen), hinter die Maskerade und Fassade zu schauen. Denn diesen wenigen Menschen (und viele Jahre auch meine treue Hundedame) müssen mich nicht fragen, wie es mir geht. Sie wissen es.

Das bewusste Tragen (mit Ausnahme hochsommerlicher Tage) ausschließlich schwarzer Kleidung ist für mich in erster Linie das bewusste Ausleben und Zeigen des Gefühls „schwarz zu sein“ und dem Wunsch, mich nach außen hin abzugrenzen. Auch dies klappt wiederum ganz gut. Selbst ein einfacher Ledermantel reicht schon, um in der Stadtbahn mindestens einen Platz neben mir frei zu haben. Interessanterweise sind es meistens Kinder, die es sich trauen, neben den bösen, schwarzen Mann zu setzen. Tja, liebe Erwachsene: Nehmt euch mal ein Beispiel an vorurteilsfreiem „kindischen“ Verhalten.

Übertrieben finde wiederum Gothics, die selbst bei 30 Grad im Schatten noch im schwarzen Mantel rumlaufen und sich wundern, warum ihnen warm ist und sie transpirieren wie ein Wasserfall. So true muss ich – und inbesondere mein bei heißen Temperaturen eh schon angegriffener Kreislauf – dann doch nicht sein. Das gilt auch für meine Wohnung: Zwar habe ich auch einige Einrichtungsgegenstände in schwarz, allerdings ist zumindest mein Wohnzimmer an sich recht hell – zumindest so hell, wie eine Erdgeschosswohnung sein kann, die umgeben von dichten und hohen Bäumen ist. Permanent in abgedunkelten Räumen mit dunklen Wänden und ohne Tageslicht zu leben würde mich wohl depressiv machen. Diese Phase habe ich zum Glück hinter mir gelassen und brauch ich auch nicht noch mal.

Schlafen tue ich übrigens, wie viele andere Gothics auch, in einem normalen (dennoch schwarzen) Bett und nicht im Sarg, wie es so manch Vorurteil gerne sagt. Und mit einem mit Vorurteilen spielenden Fanvideo zu einem tollen Lied (welches zu den wenigen rein-elektronischen Liedern gehört, die ich mag) verabschiede ich mich für diese Woche..

 

Schakal

Weitere Teilnehmer:

Chaos – Kisa,
Ichigo Komori
Das Wetterschaf
Der DychterFyrst
Mary von indubioprorea
Sebastian vom Pal-Blog
Dark Lord

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12 Antworten zu “Blogbattle IV: Schwarz

  1. Ich muss sagen, so langsam stellen sich deine Beiträge als meine liebsten heraus 🙂 Mit gefällt das Persönliche, aber auch, dass du das Extreme etwas kritisch beäugst, und dann wir uns viel von Kindern abschauen sollten, der Meinung bin ich auch 🙂
    1.

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  2. Die bösen schwarzen Menschen 😀 Wir hatten in der Schule auch ein Gothic-Mädel, das wie ich außerhalb wohnte und den Bus nutzte. So saß sie oft neben mir, da der Platz neben mir oft frei war. Einzig gewöhnungsdürftig war ihr Parfüm, das nach frischer Walderde roch.

    Mal ein Artikel über die sonst nach außen recht verschlossene Gruppe der finst’ren Gestalten, eine solide 1

    Gruß vons Schaf :>

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    • Vielen Dank. 🙂 Mit (übertriebenem) Parfum kann man mich auch vergraulen. Ich hab auch keine Scheu, mich mit entsprechendem Kommentar woanders hin zu setzen, wenn so eine wanndelnde Parfumerie sich in meinen „Dunst“kreis begibt. 😀

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  3. Dein Pech: Ich mag keinen Käse, erst recht nicht halbflüssig. Igittitgittigitt! Dann noch kein Sarg – das gibt Punktabzug!
    Ein sehr tiefgehender, selbstreflektierender Post. Gefällt mir, aber fällt mir schwer in der Bewertung, sehr schwer.
    Ich gebe einfach mal eine zwei Komma null eins. Zwei, weil das der erste Post dieser Woche ist, den ich lese und ich so noch Spielraum in beide Richtungen habe und 0,01 Punkte Abzug für den Käse 🙂

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  4. Für mich der persönlichste Kommentar, der auch das Innere eines Menschen zeigt. Und ich komme auch noch drinn vor. 😀

    Du weißt ja, dass uns viel verbindet…

    Da ich persönlich involviert bin, geht mir dieser Beitrag halt am Nähsten und kriegt von mir die Bestnote zum heutigen Blogbattle. Eine 1. 🙂

    dat Maddin

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  5. Wow, ich glaube, das ist einer der längsten Posts, den ich seit langem gelesen habe. Aber durch die Länge hast du viele spannende, wie auch persönliche Facetten mit eingebracht und das gefällt mir gut.
    Und Kinder sind einfach unvoreingenommen und noch nicht von der Gesellschaft verkorkst 🙂

    Verdiente 1

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank. 🙂 Meine Beiträge werden meistens so lang sein, wenn mich ein Thema interessiert. Kinder dürfen leider immer weniger Kind sein. Und wenn sie es mal sein wollen, werden sie mit Ritalin vollgestopft. Menschen…

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  6. Mir hat dieser Beitrag hier sehr gefallen, grad weil er ja im Vergleich zu anderen Einträgen doch sehr persönlich ist.

    Dass es immer Kinder sind die gern neben einem sitzen, habe ich so ähnlich erlebt. Allerdings machen das auch gern mal ältere Semester. Und gerade wenn wir so richtig Sommer haben und ich mit meinem Sonnenschirmchen rumlaufe, sind es ebenfalls eher die Älteren die das toll finden.

    Ich habe in diesem Zusammenhang einmal meinem Lehrer und meinen Mitschülern erklären müssen, das ich den Sonnenschirm habe, da ich eine leichte Sonnenallergie habe – und da habe ich das erste Mal richtig dieses „sie passt nicht hier her“ Gefühl gehabt (und das obwohl ich zu dem Zeitpunkt schon 2 Jahre in der Szene war).

    Aber ich schweife ab… und gönn mir jetzt erstmal ein Käsebrötchen 😀

    Note 1+

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