Es war einmal…

In einer kalten Winternacht ging eine Frau in einem Wald spazieren.  Tief im Wald und im Schwarz der Nacht wäre für die Meisten keine Orientierung nicht möglich. Als sie sich auf den umgestürzten Baum setzen wollte, bemerkte sie, dass an der Stelle, an der sie sonst stundenlang regungslos der Natur lauschte, etwas lag. Es fühlte sich wie ein gewöhnlicher Stein an. Sie steckte ihn in ihren Mantel und lauschte dem fernen Heulen der Wölfe, dem Wind und allen  Naturgeräusche vernab des Großstadtlärms am Tage. Bislang hatte das Leben nicht sonderlich viel für sie übrig gehabt. Sie war sozial isoliert, da sie mit der Welt und die Welt nichts mit ihr anfangen konnte. Zu fremd war man sich geworden. Das, worüber die Mehrheit der Menschen sich echauffiert, war für sie unverständlich. Kleingeistige Nichtigkeiten wie die Diskussionen über Wetter, schlechte TV-Sendungen auf unapettitlichen Sendern, der neuste Klatsch über Graf Schießihntot interessierten sie nicht. Die Folgen der Handlungen der Menschen, der Umgang mit der Natur, mit der Umwelt, mit Tieren, und vor allem der Umgang untereinander, waren für sie erschreckend und diskussionswürdig zugleich. Doch nur die Wenigsten konnten oder wollten diesem Klang geschmischt aus Zorn, Hass, Angst, Verzweiflung, Zweifeln, Abscheu, Melancholie, Revolutionsträumen und apokalyptischen Vorstellungen in ihrem Kopf lauschen.

Morgen. Grauen. Gedankenversunken tritt der Tag wieder in ihr Leben. Und mit ihm die Zunahme der Geräusche der Menschen und eine unbekannte Krankheit, die ihr zu schaffen machte. Auf dem Weg zurück aus dem Wald kam sie an einem Waldweg vorbei. Dort sah sie etwas auf dem Waldweg liegen. Es war ein verletzter Hund, der offensichtlich angefahren wurde. Trotz seiner Schwäche konnte er mit dem Schwanz wedeln und ihr signalisieren, dass sie vor ihm keine Angst zu haben braucht. Er war nicht sehr groß und konnte von ihr getragen werden. Nachdem sie  in ihrer Wohnung angekommen war, legte sie den Hund auf ihr Sofa. Der befreundete Tierarzt versorgte an den Folgetagen den Hund, bis dieser wieder genesen war. Der Hund blieb bei ihr. Er war es, der nicht fragte, wie es ihr geht. Er lief nicht davon, wenn sie des Nachts schweißgebadet aufwachte. Er legte die Schnauze auf ihre Brust und leckte ihr über die Wangen. Er animierte sie dazu, mit ihm zu spielen. Er zauberte ihr ein Lächeln auf die Lippen, wenn er stundenlang spielend und schwanzwedelnd hinter Bällen hinterherlief. Sie lernte Verantwortung für ihn zu übernehmen.

Nachdem die Wunden des Hundes veheilten, nahm sie ihn nachts mit auf ihren Wegen durch den Wald. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte sie so etwas wie Zufriedenheit und Geborgenheit. Der Hund wich nicht von ihrer Seite. Auf dem Baum fand sie einen weiteren Stein. Sie steckte ihn ein. Am nächsten Morgen fand sie ein interessantes Stellenangebot in ihrer Post. Etwas, von dem sie schon als Kind geträumt hatte. Sie bewarb sich umgehend und hatte noch am selben Tag eine Stelle in ihrem so lange erträumten Umfeld. Sie konnte endlich einer Tätigkeit nachgehen, in der sie sich selbst verwirklichen konnte. Sie  hatte zwar Vorgesetzte, diese jedoch waren nicht nur auf Dollarzeichen und Selbstdarstellung aus, sondern versuchten auch, sich für die Belange und Wünsche ihrer Mitarbeiter einzusetzen. Auch wenn sie sich dadurch bei ihren Vorgesesetzten nicht unbedingt beliebt machten. Die Tätigkeit selbst erfüllte sie mit Freude. Es war nicht das Gehalt, wegen dem sie jeden Tag zukünftig aufstehen sollte. Es war das Gefühl, etwas  mit ihrer Arbeit zu erreichen.

Innerhalb von 2 Tagen änderte sich in ihrem bislang so grauen Alltagstrott einiges. Die nächsten Tage verbrachte sie mangels Zeit ohne Spaziergang in der Nacht. Am Wochenende fand sie wieder Zeit und auch wieder einen Stein, den sie einsteckte. Über eine Webseite in den Weiten des Internets fand sie eine Person aus Kindertagen wieder, die damals zu den wenigen Freunden und Vertrauenspersonen gehörte. Als sie miteinander wieder ins Gespräch kamen, war es so, als ob sie sich nie aus den Augen verloren hätten. Die Gespräche waren auch dank moderner Kommunikationsmethoden sehr intensiv und tiefgründig. Etwas, was sie bislang so oft vermisst hat. Es erfüllte sie mit Freude, dass sie nicht die einzige wahr, die mit der Zeit, in der sie lebt, nichts anfangen kann. Eine Zeit, in der die kindliche Frage nach dem „Warum?“ so oft Dinge ans Licht führt, die, erstmal erfahren, einen nicht selten in den Wahnsinn treiben, wenn man es nicht schafft, eine gewisse Distanz zu all dem aufzubauen. Sie merkte, dass es besser ist, die Dinge zu besprechen, aufzuschreiben, als sie in sich in hinein zu fressen.

Doch die Frage nach dem „Warum?“ trug in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten ihres Lebens dazu bei, dass sie sich immer wieder fragte, warum sich ihr Leben so veränderte. Dabei stieß sie auf einige Quellen, die behaupteten, es gäbe bestimmte Gegenstände, die das Leben verbessern – gar verändern – könnten. So kam es immer wieder Momente,  die den bisherigen beiden Ereignissen quasi glichen. Wenn sie des Nachts spazieren ging, fand sie immer wieder Steine und immer änderte sich daraufhin etwas zum positiven. Das Gedankenkarussell begann sich zu drehen. „Haben diese Steine etwas damit zu tun?“ fragte sie sich immer und immer wieder. In den Quellen, denen sie noch bis vor kurzem keinerlei Glauben geschenkt hätte, fand sie immer wieder Stellen die behaupteten, solche Gegenstände wären heilg und gesegnet. Je mehr man davon fnden würde, umso größer  würden die Verändungen im Leben.

Die Zeit verging und ihre Gedankenwelt drehte sich immer mehr um diese Steine und die seltsamen Quellen, in denen sie sich immer und immer mehr verfing. Sie suchte über ein geschlossenes soziales Netzwerk nach Gleichgesinnten. Manche schrieben von ähnlichen Erfahrungen mit anderen Gegenständen. Andere wiederrum sagten, diese Dinge würden von einer höheren Macht gesteuert werden. Es war ein scheinbar unüberblickbares Durcheinander aus Erzählungen, die von einigen als „Überlieferungen“ bezeichnet wurden. Das Lesen machte sie süchtig. Sie versuchte, diese Erlebnisse mit ihren Erebnissen zu verknüpfen. Sie schrieb ihre Erfahrungen dort nieder und wurde prompt der Lüge bezichtigt. Es könne nicht sein, dass etwas anderes als das was sie dort bislang kannten, zu solchen Ergebnissen führe. Das Wort Ketzer fiel. Sie wollten Beweise. Doch als sie nach den Steinen in ihrer Tasche suchte, fand sie dort nur Leere. Sie sammelte irgendwo Kieselsteine auf und fotografierte diese und erfand zugleich noch weitere Geschichten, die ihr passiert sein sollen. Wie die anderen dort hatte sie auch einen Namen für ihre Überzeugungen.

In ihrer letzten Nachricht stand:

„Glaubt an die Macht der Steine. Ihr werdet Wohlstand, Glück, Liebe, Frieden, ein ewiges Leben, 72 Steine nach eurem Ableben, einen Platz in den höchsten Sphären fernab dieser Welt erhalten. Ketzer werden dann im Club Der Ungläubigen ihr trostloses Dasein fristen.  Glaubt an ‚Die Gesteinigten‘.“

(c) Schakal, 9.11.2014

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